Beiträge zur Sterbehilfedebatte

Teil 1: Curriculum Suizidassistenz

Ein „Curriculum Suizidassistenz“ wäre dann von Relevanz, wenn ein Gesetz beschlossen würde, in welchem Ärzte – oder auch andere Personen bzw. Berufsgruppen – ausdrücklich Beihilfe zur Selbsttötung leisten dürfen sollen. Falls ein solches Gesetz in Kraft tritt, wird sicherlich noch ein Procedere etabliert werden, welches dann bei den einzelnen Begleitungen durchlaufen werden muss (Abklärung, ob eine psychische Erkrankung vorliegt, Hinzuziehen eines zweiten Arztes etc.). Ich meine jedoch, dass das nicht ausreicht, sondern dass es auch eine spezifische Schulung in Form einer Weiterbildung bräuchte. Denn warum sollte es hier keinerlei Qualitätssicherung geben, wo doch die Tätigkeit darin besteht, ein Menschenleben aktiv zu beenden?

Ich habe mir also Gedanken darüber gemacht, welche Voraussetzungen eine Person erfüllen müsste, um die Tätigkeit der Suizidassistenz nach wissenschaftlich und ethisch ausgerichteten Kriterien ausüben zu können. Ergebnis ist ein Curriculum, in welchem dies grob umrissen wird und welches sicherlich durch meinen eigenen psychologischen Hintergrund geprägt ist. Die Themenblöcke „Ethik“ und „Spiritualität“ müssten wohl wesentlich mehr Unterrichtseinheiten erhalten…

Ich möchte anfügen, dass es sich hierbei mehr um ein Brainstorming handelt als um einen durchgearbeiteten Entwurf. Und wer mich persönlich kennt, wird das Augenzwinkern und den Humor zwischen den Zeilen bemerken. Nein, das Curriculum ist nicht Ernst gemeint. Ich erkläre dies hiermit explizit, um Missverständnissen vorzubeugen. Aber mit der zugrunde liegenden Fragestellung ist es mir sehr ernst: Welche persönliche Reife und welche beruflichen Fähigkeiten setzen wir bei denjenigen voraus, in deren Hände wir unser Schicksal zu legen bereit sind? Das Postulat der Vertrauensbeziehung und der Gewissensprüfung reicht mir persönlich da nicht aus.

» Curriculum Suizidassistenz (PDF, 139 kB)

Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen in Form von Anregungen und Kritik!
Jan Gramm


Teil 2: Als David seine Stimme verlor – und der Arzt keine Worte fand

Im diesem Beitrag wird ein Buch vorgestellt, in welchem unter anderem auch Sterbehilfe eine Rolle spielt. Es handelt sich um die Grafik-Novelle (Comic-Roman) „Als David seine Stimme verlor“ von Judith Vanistendael. Liest man das Buch mit „palliativer Brille“, so wird einem bewusst, wie wichtig und wertvoll es ist, Tod und Sterben schon frühzeitig zu thematisieren und was es für eine Familie heißen kann, wenn sie im Umgang mit diesen Themen unterstützt wird. Davids Familie erfährt diese Unterstützung nicht und gerade diese „Lücke“ fällt dem versierten Leser auf. Vielleicht ist es kein Zufall, dass der Patient David am Ende nach aktiver Sterbehilfe verlangt. So wie ich das Buch lese, tut er das nicht, weil er das unerträgliche Leid nicht mehr aushalten kann, sondern weil er einsam ist und die Last nicht gemeinsam getragen wird. Die Figur, die verantwortlich für den Umgang mit dem Thema Tod ist, ist in der Geschichte der Arzt Georg. Er steht für alle Behandler. Und er ist stumm, was den Umgang mit dem Sterben angeht oder die Bedürfnisse, die den Patienten bewegen. Letzteres ist übrigens der Schlüssel, der das Sprechen über das Sterben ermöglicht: Die Betroffenen selbst liefern die Stichworte, die uns den Weg weisen, wie wir uns dem Thema Sterben nähern können ohne die Betroffenen zu schockieren.

Das Buch endet mit aktiver Sterbehilfe durch den Arzt Georg. Diese Tat hat nichts Tröstliches. Die lichten Momente im Buch sind die, die von menschlicher Begegnung erzählen, die von Mitgefühl und einem offenen Herzen getragen sind.

» Als David seine Stimme verlor – und der Arzt keine Worte fand (PDF, 781 kB)


Teil 3: Das Sterbehilfegesetz – ein Resümee

Am 13. November 2014 wurde das Thema „Sterbehilfe“ in einer denkwürdigen Orientierungsdebatte im Bundestag diskutiert. Am 2. Juli 2015 wurde dann über vier Gruppenanträge debattiert. Am 6. November fiel die Entscheidung mit 360 von 602 Stimmen zugunsten des Entwurfs der Gruppe um Michael Brand und Kerstin Griese. Der Bundesrat billigte in seiner Sitzung am 27. November 2015 ein entsprechendes Gesetz zur Einführung eines neuen Straftatbestandes: Die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung steht in Deutschland künftig unter Strafe (§ 217 StGB).

Das „Sterbehilfegesetz“ ist nun also gültig. Der Diskurs muss (und wird) aber trotzdem weitergeführt werden, denn entgegen des deutlichen Wunsches in der öffentlichen Diskussion regelt dieses Gesetz NICHT die Beihilfe zum Suizid im Sinne einer professionellen Leistung. Es stellt keine Lösung für den Umgang mit dem Wunsch nach Sterbehilfe im Sinne von Beihilfe zur Selbsttötung oder von aktiver Sterbehilfe dar. Im Gegenteil: Auch die Sterbehilfevereine werden in Deutschland nun verboten sein. Dieses Gesetz regelt weniger etwas, als dass es dazu mahnt, aus dem Leid Sterbender oder der Angst vor Leiden kein Kapital zu schlagen. Das Leben aktiv zu verkürzen soll eine Ausnahme und eine Einzelfallentscheidung bleiben.

Ich halte dieses Gesetz deshalb für eine gute Entscheidung, weil es die Unregelbarkeit in dieser Angelegenheit anerkennt. Und gleichzeitig „einfache Lösungen“ verbietet.

» Das Sterbehilfegesetz – ein Resümee (PDF, 105 kB)