Suizidassistenz (Ausbildung zum Selbsttötungsbeihelfer)

Fortbildung multiprofessionell

Termin: 26.02.2021
Beginn: Fr, 00:00 Uhr
Ende: Fr, 00:00 Uhr
Zielgruppe: Personen, die Sterbehilfe leisten wollen
Voraussetzungen:  keine
Inhalte:

CURRICULUM „SUIZIDASSISTENZ“
(Qualifizierung zum SELBSTTÖTUNGSBEIHELFER)

An dieser Stelle wird ein Curriculum „Suizidassistenz“ vorgestellt, nachdem am 26.02.2020 das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Legalisierung der Sterbehilfe (2 BvR 2347/15, 2 BvR 2527/16, 2 BvR 2354/16, 2 BvR 1593/16, 2 BvR 1261/16, 2 BvR 651/16) gefällt wurde.

In Nachfolge zu diesem Urteil werden nun gesetzliche Regelungen getroffen werden, durch welche ein Procedere etabliert werden wird, das dann bei den einzelnen Begleitungen durchlaufen werden muss (Abklärung, ob eine psychische Erkrankung vorliegt, Hinzuziehen eines zweiten Arztes etc.).

Neben einem festgelegten Durchführungsprotokoll braucht es jedoch auch eine spezifische Schulung in Form einer Weiterbildung. Denn warum sollte es hier keinerlei Qualitätssicherung geben, wo doch die Tätigkeit darin besteht, ein Menschenleben aktiv zu beenden? Ein Arzt ist ja nicht qua Beruf für diese verantwortungsvolle und vielschichtige Aufgabe ausgebildet. Und auch keine anderen Professionen.  

Welche Voraussetzungen müsste eine Person erfüllen, um die Tätigkeit der Suizidassistenz nach wissenschaftlich und ethisch ausgerichteten Kriterien ausüben zu können? Der folgende Entwurf eines Curriculums zur Suizidassistenz stellt den Versuch dar, der Tragweite eines solchen Vorgangs wenigstens annähernd gerecht zu werden. 

Das Curriculum umfasst 936 UE (Unterrichtseinheit á 45 Minuten), zuzüglich einer obligatorischen Hospitation (40 UE) in einer spezialisierten palliativen Einrichtung (Palliativstation). Ärztinnen und Ärzte, die bereits in einer solchen Einrichtung länger als 2 Jahre arbeiten, brauchen die jeweilige Hospitation nicht vorzuweisen. Abschließend ist noch eine schriftliche Arbeit im Umfang von ca. 30-50 Seiten zu verfassen.


Anmerkung: Es handelt sich bei diesem Curriculum weder um einen durchgearbeiteten Entwurf noch um eine ernstgemeinte Angelegenheit. Ich erkläre dies hiermit explizit, um Missverständnissen vorzubeugen.

Aber mit der zugrunde liegenden Fragestellung ist es mir sehr ernst: Welche persönliche Reife und welche beruflichen Fähigkeiten setzen wir bei denjenigen voraus, in deren Hände wir unser Schicksal zu legen bereit sind? Das Postulat der Vertrauensbeziehung zwischen Arzt und Patient und der Gewissensprüfung seitens des Arztes reicht da aus meiner palliativpsychologischen Sicht nicht aus.

Jan Gramm


INHATLE DES CURRICULUMS „SUIZIDASSISTENZ“

1 Historie, Definitionen, Rahmen

1.1 Begriffsbestimmung / Definitionen (4 UE)

  • Tötung auf Verlangen
  • Beihilfe zur Selbsttötung (Suizidassistenz)
  • Sterben zulassen, Beenden lebenserhaltender Maßnahmen
  • Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF)
  • Symptomkontrolle unter Inkaufnahme des Todes
  • Sterbebegleitung
  • Palliative Sedierung

1.2 Historie des Suizids und der Sterbehilfe (1 UE)

1.3 Die Rolle des Arztes im historischen Kontext (2 UE)

1.4 Die Euthanasiepraxis im Nationalsozialismus (4 UE)

  • Ideologischer Hintergrund, Rolle der Medizin

1.5 Sterbewunschforschung (4 UE)

1.6 Sterbehilfe weltweit: Gesetze, Praxis, Evaluation (10 UE)

  • Europa (Schweiz, Belgien, Niederlande, Luxemburg)
  • USA (Oregon, Washington, Vermont, Montana)

1.7 Die Sterbehilfedebatte in Deutschland nach 1945 (4 UE)

1.8 Palliativversorgung (20 UE)

  • Definitionen der WHO und der IAHPC
  • Möglichkeiten und Grenzen der Palliativmedizin
  • Der bio-psycho-soziokulturell-spirituelle Ansatz
  • Multiprofessionalität
  • Versorgungslage in Deutschland

1.9 Alternativen zur Sterbehilfe / Suizidassistenz (16 UE)

  • Palliativversorgung
  • Sinnstiftende Interventionen
  • Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF)

1.10 Sterbehilfeorganisationen in Deutschland (5 UE)

  • Organisationsform, Qualifikation der Suizidassistenten, Procedere, Kosten

1.11 Rechtlicher Rahmen (8 UE)

  • Gesetze
  • Ärztliche Berufsordnungen (Bund und Länder)

 

2 Ethik

2.1 Grundlagen der Ethik (40 UE)

2.2 Der „freie Wille“, Selbstbestimmung, Autonomie (8 UE)

2.3 Medizinethik (40 UE)

2.4 Fürsorgeethik (20 UE)

2.5 Gesellschaft und Werte (Soziologische Aspekte)  (20 UE)

2.6 Die Debatte um den ärztlichen Berufsethos (10 UE)

 

3 Medizin

3.1 Krankheitsbilder und -verläufe (8 UE)

3.2 Substanzen, Kombination und Dosierung (4 UE)

3.3 Diagnostik „Unheilbarkeit“, Einschätzung von Prognose und Verlauf (10 UE)

4 Psychologie

4.1 Motivationspsychologie (20 UE)

4.2 Emotionspsychologie (20 UE)

4.3 Persönlichkeitspsychologie (40 UE)

4.4 Psychopathologie (40 UE)

  • Neurosen
  • Psychosen
  • Narzissmus, narzisstische Kränkung
  • Borderlinestörung
  • andere Persönlichkeitsstörungen

4.5 Depression, Trauerreaktion und Demoralisation (10 UE)

  • Formen und Behandlungsmöglichkeiten, Differentialdiagnose zu Trauer und Demoralisation

4.6 Angst (10 UE)

  • Formen und Behandlungsmöglichkeiten

4.7 Suizidalität und Suizidprophylaxe (40 UE)

4.8 Entscheidungsfindungsprozesse (Kognitionspsychologie) (16 UE)

4.9 Psychische Bewältigungsstrategien/Coping (16 UE)

4.10 Psychodiagnostische Testverfahren  (20 UE)

4.11 Sozialpsychologie (20 UE)

  • Soziale Rollen, Erwartungshaltungen, Formen und Gesetze sozialen Verhaltens

4.12 Systemisches Denken – Familiärer Hintergrund / Angehörige (80 UE)

  • Einführung in das Systemische Denken
  • Familiäre Dynamiken in existenziell bedrohlichen Situationen
  • Die Familie als System
  • Genogramm
  • Die Familienkonferenz
  • Systeme 1. Ordnung, Systeme 2. Ordnung (Arzt-Patienten-Beziehung)
  • Die Passung zwischen der Logik des Behandlersystems und der des Familiensystems
  • Dynamiken im Behandlersystem

4.13 Sinnzentrierte Ansätze (50 UE)

  • Viktor Frankl, Irving Yalom, William Breitbart

4.14 Würde am Lebensende (30 UE)

  • Harvey Chochinov (Würdezentrierte Therapie, ABCD of Dignity in Care etc.)

4.15 Kommunikation über den Sterbewunsch (120 UE)

  • Empathie- und Mitgefühlstraining (inkl. Metta- und Tonglenmeditation)
  • Bedürfnisorientierte Kommunikation
  • Aktives Zuhören
  • Nonverbale Kommunikation
  • Sokratischer Dialog

5 Die Spirituelle Dimension, Bewusstseinswissenschaft (30 UE)

  • Verletzlichkeit vs. Kontrolle
  • Selbstbestimmung vs. Selbst-Verantwortung
  • Verbundensein als sinngebende Haltung
  • Existenzielles Isolationserleben
  • Nahtoderlebnisse
  • Transzendenzerfahrungen
  • Lebenssattheit
  • Lebensbilanz
  • Sterben als Erlösung
  • Rituale in existenziellen Krisen
  • Der Begriff der Heilung
  • Lebenssinn

6 Selbstreflexion und Selbsterfahrung

6.1 Eigener Umgang mit Verlust und Leid (Lebensgeschichte) (16 UE)

6.2 Eigene Verortung im Leben (Spiritualität, Werte) (16 UE)

6.3 Eigener Persönlichkeitstyp (8 UE)

6.4 Existenzielle Selbsterfahrung (80 UE)

Von erfahrenen Therapeuten begleiteter Selbsterfahrungsprozess mit mindestens einer der aufgeführten Methoden in einem Umfang von mindestens 40 UE am Stück:

  • Trance-Erfahrungen
  • Hypnotherapie, Hypnose
  • Dunkelretreat
  • ZEN-Meditation
  • Schweigemeditation
  • Vision Quest (oder ähnliches in der freien Natur)
  • (Psychedelische Reisen, wenn diese nicht mehr verboten werden, sondern im Sinne des Selbstbestimmungsrechts zur Selbst-Entwicklung zugelassen werden)

7 Die Praxis der Suizidassistenz (20 UE)

Der gesamte Ablauf einer Sterbeassistenz soll detailliert mit Hilfe von Schauspielerpatienten durchgeführt werden.

  •  Das Vorgespräch
  • Aufzeigen alternativer Wege
  • Prüfung auf „psychische Gesundheit“ / freie Willensbildung / bilanzierte Entscheidung
  •  Prüfung des Standfestigkeit bezüglich des Sterbewunsches
  • Selbstreflexion des Sterbehelfers
  • Fallbesprechung im Expertenkreis
  • Die Einbeziehung der Familie (Genogramm, Familienkonferenz, Begleitung der Angehörigen)
  • Planungsphase
  • Durchführungsphase
  • Abschiedsphase
  • Nachgespräch mit den Angehörigen
  • Reflexion der Sterbehilfe im Expertenkreis
  • Verfassen eines schriftlichen Abschlussberichts

8 Hospitation in palliativen Einrichtungen

Hospitation auf einer spezialisierten stationären Palliativeinrichtung (SSPV)  (40 UE)

9 Abschlussarbeit

Umfang 30-50 Seiten

  • Darlegung der eigenen Motivation zur Suizidassistenz
  • Fallbericht über eine Begleitung, bei dem sich der Sterbewunsch auflösen ließ
  • Fallbericht über eine Begleitung, bei der der Sterbewunsch aufrechterhalten wurde
  • Darlegung der Angehörigenbegleitung
  • Reflexion der eigenen Position, Befindlichkeit
Methoden: Vorträge, Gruppenarbeit, Selbsterfahrungsmethoden
Teilnehmer: max. 0
Kursleitung:
Referenten:


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